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„Der zerbrochene Krug“ vom WLT in der Aula

11.10.2026
Der zerbrochene Krug (1)
Der zerbrochene Krug (1)

Wer behauptet, Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ sei alles andere als lustig, mag recht haben. Wer allerdingst meint, dieser mehr als 200 Jahre alte Klassiker der deutschen Literatur sei lediglich von historischem Interesse und habe nichts mehr mit uns und der Welt, wie sie gegenwärtig ist, zu tun, irrt sich gewaltig. Einen eindrücklichen Beweis dafür, wie aktuell und ernsthafthaft „Der zerbrochene Krug“ ist, lieferte am Dienstag dieser Woche ein neunköpfiges Ensemble vom Westfälischen Landestheater, das Kleists Drama in einer leicht gekürzten und überarbeiteten Version in der achten und neunten Stunde für die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe auf die Bühne der Aula brachte.

Der zerbrochene Krug (2) Der zerbrochene Krug (3)

Worum es geht, lässt sich bereits am titelgebenden Dingsymbol, dem „zerbrochenen Krug“, ablesen: um einen Fall von sexueller Gewalt, für dessen juristische Aufarbeitung ausgerechnet eben jener Dorfrichter zuständig ist, der von Anfang an als Täter erkennbar ist. Wie das WLT Kleists Drama umsetzte, vermochte in mehrfacher Hinsicht zu überzeugen: zunächst und vor allem wegen der beeindruckenden schauspielerischen Leistung sämtlicher Mitglieder des Ensembles, aber auch in dramaturgischer Hinsicht, denn die Inszenierung folgte konsequent dem Prinzip, Kleists Textvorlage inhaltlich wie sprachlich gerecht werden zu wollen, um sie dabei zugleich behutsam, aber unmissverständlich vom frühen 19. Jahrhundert in unsere Gegenwart zu transportieren. Zu den auffälligsten Veränderungen gegenüber der Originalfassung gehörte das Bühnenbild, das anstelle eines Gerichtssaals ein provinzielles Wohnzimmer darbot, welches mit Pokalen und ähnlichen Zeichen sportlichen Ehrgeizes versehen war. Mit Sport, um nicht zu sagen: sportlichem Imponiergehabe, waren auch einige Kostüme konnotiert, etwa die allzu körperbetonte Radlerkleidung, in der Licht (Jan-Hendrik Kroll), der Schreiber, Survivors „Eye of the Tiger“ summend, am Beginn des Stücks die Bühne betrat. Am wohl deutlichsten von der Vorlage wich die Inszenierung am Ende ab, als sich Eve (Lesley-Ann Eisenhardt) mit einem ebenso berührenden wie anklagenden Monolog an das Publikum wandte, um davon zu berichten, was ihr in der Nacht zuvor widerfuhr, als der Richter Adam (Guido Thurk) sich ihr näherte und auf seiner Flucht versehentlich den Krug zerbrach. Dieser Monolog ist eine aus heutiger Sicht sinnvolle, ja geradezu notwendige Ergänzung zu Kleists Schauspiel, in dem der Täter zwar ebenfalls nach seiner Enttarnung davonzukommen droht, das Opfer aber eher stumm bleibt.

"Soll hier dem Krug nicht sein Recht geschehen?", möchte die Klägerin, Frau Marthe (Carolin Leweling), am Ende von Kleists Komödie wissen. Mit dieser rundum gelungenen Aufführung hat das Ensemble vom Westfälischen Landestheater eines jedenfalls eindringlich vor Augen geführt: Der Fall ist längst nicht abgeschlossen, auch für uns nicht.

Dr. Michael Bähr